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Worum es in dieser Folge geht
In der Bretagne hört man nachts das Kreischen einer schlecht geschmierten Achse, und jeder weiß, was es bedeutet: Der Karren des Ankou ist unterwegs. In dieser Folge stelle ich eine der am besten dokumentierten Todesgestalten Europas vor, beginnend mit einer Geschichte, die Anatole Le Braz um 1890 aufgeschrieben hat.
Was ist der Ankou?
Der Ankou ist nicht der Tod, sondern sein Diener, ein Seelengeleiter wie Charon. Und er war einmal ein Mensch: Der letzte Tote eines Jahres in einer Gemeinde wird für das folgende Jahr zum Ankou. In anderen Fassungen ist es der erste Tote, oder der erste, der auf einem neuen Friedhof begraben wird. Der Name hängt wahrscheinlich mit dem bretonischen anken, Angst oder Qual, zusammen, Verwandte gibt es im Kornischen und Walisischen.
Wie er aussieht
Groß, hager, in schwarzer bretonischer Tracht mit breitkrempigem Hut, manchmal mit Totenschädel. Seine Sense hat eine nach außen gedrehte Klinge. Er fährt die karrig an Ankou, an der Küste das Nachtboot, und wird von zwei Gestalten begleitet. Schmuggler sollen ihre Achsen absichtlich nicht geschmiert haben, damit die Leute im Haus blieben.
Die Geschichten
Le Braz sammelte über fünfzehn Jahre die Erzählungen der Unteren Bretagne. Der reiche Bauer Laou ar Braz lädt einen unbekannten Gast zum Schlachtfest ein, der sich als Ankou entpuppt und ihm acht Tage Zeit gibt, seine Dinge zu ordnen. Im Barzaz Breiz von 1839 helfen von drei Betrunkenen nur einer dem alten Mann mit dem Karren, die beiden Spötter sind am Morgen tot. Der Ankou ist kein Bösewicht. Er warnt und gibt Frist.
In Stein gemeißelt
In Ploumilliau steht eine hölzerne Ankou-Statue, die eigene Sprichwörter hervorgebracht hat und an die man Feinde „weihen“ konnte. Am Beinhaus von La Roche-Maurice steht: „Je vous tue tous“, ich töte euch alle. Die Kapelle Kermaria-an-Iskuit in Plouha zeigt einen Totentanz aus dem späten 15. Jahrhundert, ein weiterer ist in Kernascléden erhalten.
Älter als das Christentum
Manche Forscher sehen im Ankou einen Nachfahren des gallischen Gottes Sucellos oder Parallelen zum irischen Dagda. Sicher ist, dass die Kirche ihn nicht erfunden, sondern aufgenommen hat. Den Eingang zur Unterwelt vermutete man im Moor Yeun Ellez in den Monts d’Arrée. Noch im 20. Jahrhundert berichteten Menschen vom Quietschen seines Karrens.
Häufige Fragen
Wer wird zum Ankou?
Nach dem verbreitetsten bretonischen Glauben der letzte Tote eines Jahres in einer Gemeinde, in manchen Gegenden der erste Tote des neuen Jahres.
Wo kann man den Ankou heute sehen?
In vielen bretonischen Kirchen und Beinhäusern, etwa in Ploumilliau, La Roche-Maurice und in den Totentanz-Fresken von Kermaria-an-Iskuit.
Mehr im Lexikon: Ankou.
Über diese Folge
In der Bretagne, ganz im Westen Frankreichs, erzählt man sich seit Jahrhunderten von einer Gestalt, die nachts mit einem quietschenden Karren durch die Dörfer fährt. Sein Name: der Ankou – der Diener des Todes. Er ist kein Gott, kein Dämon, kein abstraktes Symbol. Er war einmal ein Mensch. Der letzte Tote des Jahres, verdammt dazu, zwölf Monate lang die Seelen der Sterbenden einzusammeln.
In dieser Folge Blanker Horror tauchen wir tief in die bretonische Folklore ein: Wer ist der Ankou? Woher kommt die Legende? Welche Geschichten haben die Menschen sich über Jahrhunderte erzählt – und warum glauben manche bis heute daran? Von den Aufzeichnungen des Folkloristen Anatole Le Braz über die steinernen Ankou-Figuren in den Kirchen der Bretagne bis hin zu den verstörenden Totentanz-Fresken in uralten Kapellen.
Eine Geschichte über den Tod – die erstaunlich viel über das Leben erzählt.
📚 Quellen & weiterführende Literatur:
- Anatole Le Braz: „La Légende de la Mort chez les Bretons Armoricains“ (1893)
- Théodore Hersart de La Villemarqué: „Barzaz Breiz“ (1839)
- Daniel Giraudon: „Sur les Traces de l’Ankou“ (Universität Brest/CRBC)