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Worum es in dieser Folge geht
In Teil 1 des Norwegen-Specials habe ich nur erzählt. In Teil 2 gehe ich dieselben Sagen noch einmal durch und frage bei jeder: Woher kommt das? Warum wird ein Troll in der Sonne zu Stein, warum flieht er vor der Glocke, was stand wirklich an der Wiege, und warum verliert dieses übermächtige Wesen fast immer?
Der Stein, der die Kirche verfehlte
In vielen norwegischen Tälern erzählt man, ein Troll habe einen Felsblock auf die neue Kirche geworfen und sie verfehlt. Der Findling liegt bis heute auf dem Feld, in Wahrheit von einem Gletscher der Eiszeit dorthin geschoben. In dieser einen Sage steckt fast alles: der Stein, der eine Landschaft erklärt, der Troll, der die Glocke hasst, und die Kirche, vor der er weichen muss.
Was ein Troll eigentlich ist
Das altnordische trǫll war nie eine bestimmte Kreatur. Ármann Jakobsson hat gezeigt, wie breit das Wort gestreut war: Riese, Hexe, Wiedergänger, Dämon, ein ungewöhnlich hässlicher Mensch. Dahinter liegen die Jötnar, die Riesen der Mythologie. In der späteren Volksüberlieferung übernimmt der Troll ihre Rolle, und aus dem kosmischen Feind der Götter wird der Unhold unter der Brücke.
Wer die Trolle aufschrieb
Fast alles, was wir „norwegische Trollsagen“ nennen, haben Andreas Faye ab 1833 und Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe ab 1841 gesammelt. Das geschah kurz nach 1814, als Norwegen nach Jahrhunderten unter Dänemark eine eigene Identität suchte. Oscar Falnes hat diese Sammlungen als Gründungsakt der Nation beschrieben. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen eventyr, dem Märchen zum Genießen, und sagn, der Sage, die man für wahr hielt.
Versteinerung und Kirchenglocken
Die Versteinerung erklärt die Landschaft, wie Reidar Th. Christiansen in seinem Katalog der Wandersagen gezeigt hat. Sie zeigt aber auch: Die Sonne gehört dem Menschen, der Ordnung und dem Feld, und das Wilde erstarrt in ihr. Die Glocken-Sagen erzählen alle dasselbe. Das Christentum kommt, und die Trolle weichen. Der Troll ist die ungetaufte, vorchristliche Vergangenheit in Gestalt eines Ungeheuers.
Der Wechselbalg
Die dunkelste und ehrlichste Sage ist die vom untergeschobenen Trollkind. Folkloristen wie D. L. Ashliman sehen darin ein Erklärungsmodell für Kinder, die krank waren oder sich anders entwickelten, in einer Zeit ohne Medizin und Worte dafür. Der Glaube konnte Müttern die Schuld nehmen. Er konnte aber auch rechtfertigen, dass schwache Kinder vernachlässigt wurden. Ich spreche diese Kehrseite in der Folge offen an.
Warum der Troll immer verliert
Erzählt wurden diese Geschichten von Häuslern, Mägden und Bauern, Menschen, die klein waren gegen Berge, Wetter, Herrschaft und Tod. Der Held ist fast immer Askeladden, der Aschenjunge, der den Troll nicht mit Kraft besiegt, sondern mit Witz, Geduld und einem guten Herzen. Der heutige Troll aus dem Souvenirladen ist dagegen jung. Sein Gesicht bekam er Ende des 19. Jahrhunderts von Theodor Kittelsen und Erik Werenskiold.
Häufige Fragen
Warum werden Trolle in der Sonne zu Stein?
Die Sagen erklären damit auffällige Felsen und Berge. Gleichzeitig steht die Sonne für die Welt des Menschen und der Ordnung, in der das Wilde der Nacht keinen Platz hat.
Warum fürchten Trolle Kirchenglocken?
Der Troll verkörpert die vorchristliche Welt. Die Glocke ist der Klang der neuen Ordnung, vor der er tiefer in den Berg weicht.
Was ist ein Wechselbalg?
Ein Trollkind, das Menschen angeblich gegen ein eigenes Kind ausgetauscht wurde. Der Glaube diente als Erklärung für kranke oder anders entwickelte Kinder.
Mehr im Lexikon: Troll.
Über diese Folge
Letztes Mal haben ich nur erzählt. Diesmal betrachten wir das alles einmal ausgiebig. Teil 2 meines Norwegen-Specials fragt nach dem Warum hinter den Trollsagen: Woher kommt der Troll? Warum tötet ihn die Sonne? Warum flieht er vor der Kirchenglocke? Was stand wirklich an jener Wiege – und warum verliert dieses übermächtige Wesen in fast jeder Geschichte? Eine Reise durch Etymologie, Nationalromantik und den ehrlichsten, dunkelsten Volksglauben Norwegens.📚 QUELLEN & ZUM WEITERLESEN Ármann Jakobsson, Arbeiten zur Bedeutung des Wortes „troll“ im Mittelalter (u. a. The Troll Inside You, 2017) – zur Breite des altnordischen Begriffs. Vladimir Orel, A Handbook of Germanic Etymology (2003) – zur Herkunft von trǫll und zum Verhältnis zu jötunn und þurs. Andreas Faye, Norske Folke-Sagn (1833/1844) – die frühe Grundsammlung der Ortssagen. Peter Christen Asbjørnsen & Jørgen Moe, Norske Folkeeventyr (ab 1841); Asbjørnsen, Norske Huldreeventyr og Folkesagn (1845–48) – Ursprung der Unterscheidung von eventyr und sagn/huldreeventyr. Oscar J. Falnes, National Romanticism in Norway (1933) – zum Zusammenhang von Folklore und nationaler Identität nach 1814. Reidar Th. Christiansen, The Migratory Legends (1958) – Standardkatalog norwegischer Wandersagen (Versteinerung, Kirchensagen, Wechselbalg). D. L. Ashliman, Studien und Textsammlung zum Wechselbalg – zur Deutung des Glaubens als Erklärungsmodell für nicht gedeihende und behinderte Kinder. Zur Bildtradition: Theodor Kittelsen (1857–1914) und Erik Werenskiold (1855–1938).