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Worum es in dieser Folge geht
Teil 1 des Irland-Specials ist eine Märchenstunde in doppelter Länge. Ich erzähle die ältesten Geschichten über den Leprechaun so nach, wie sie überliefert sind, ohne Einordnung. Vergesst dafür den grünen Anzug und den Regenbogen. In diesen Geschichten ist der kleine Mann einsam, gerissen und manchmal tödlich.
I. Fergus, Sohn des Léte
Die älteste Geschichte stammt aus dem frühen irischen Mittelalter. König Fergus von Ulster schläft am Strand ein, und kleine Wesen aus dem Meer, die lúchorpáin, tragen ihn ins Wasser. Er wacht auf, packt sie und erzwingt sich einen Wunsch: unter Wasser gehen zu können. Nur einen See darf er nie betreten. Was ihn dort erwartet, entstellt ihn, und ein Makel am Körper kostet einen König von Ulster den Thron.
II. Der Weinkeller von Ballinacarthy
Justin Mac Carthy findet keinen Butler, der in seinen Weinkeller geht. Als er selbst hinuntersteigt, sitzt dort Naggeneen auf dem Fass, mit Zapfhahn über der Schulter, und fragt, ob man ihn beim Umzug etwa zurücklassen wolle.
III. Das Feld der Boliauns
Tom Fitzpatrick erwischt an einem Feiertag einen kleinen Schuhmacher in der Hecke. Man darf die Augen nie von ihm nehmen, sonst entwischt er. Tom lässt nicht locker, bis der Kleine ihm verrät, unter welchem Kraut der Schatz liegt. Und dann muss Tom nur noch den Spaten holen.
IV. Moirna Hogaune und die Bienen
In einer Schenke spottet Felix O’Driscoll über die Cluricauns. Da nimmt die alte Moirna Hogaune ihre Pfeife aus dem Mund und erzählt, wie sie selbst einmal einen gesehen hat. Sehen heißt glauben.
V. Der kleine Schuh
Molly Cogan erzählt von ihrem Großvater, der den Kleinen schon in der Faust hatte.
VI. Regionale Varianten
Zum Schluss geht es durch Irland: vom Leprechaun im Norden über den Lurigadawne in Tipperary und den Luricawne in Kerry bis zum Cluricawne in Monaghan, jeder mit eigener Kleidung und eigenem Charakter, so wie D. R. McAnally sie 1888 beschrieben hat.
Die Einordnung, wer diese Geschichten aufgeschrieben hat und was sie mit dem heutigen Leprechaun zu tun haben, folgt in Teil 2. Eine Korrektur vorweg: Die Übersetzung „die Kleinkörperigen“, die ich in dieser Folge verwende, ist nach neuerer Forschung wahrscheinlich falsch. Warum, erkläre ich dort.
Häufige Fragen
Was ist die älteste Leprechaun-Geschichte?
Die Erzählung von König Fergus mac Léti, in der die lúchorpáin den schlafenden König ins Meer tragen. D. A. Binchy hat sie 1952 herausgegeben.
Woher stammen die anderen Geschichten?
Die meisten aus Thomas Crofton Crokers Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland von 1825, die regionalen Varianten aus D. R. McAnallys Irish Wonders von 1888.
Mehr zur Figur im Lexikon: Leprechaun.
Über diese Folge
Vergiss den grünen Anzug. Vergiss den Regenbogen.
In seinen ältesten Geschichten ist der Leprechaun kein Maskottchen, sondern ein einsames, gerissenes und gelegentlich mörderisches Wesen. Er kommt aus dem Meer, um schlafende Könige zu ertränken. Er wohnt im Weinkeller und weigert sich auszuziehen. Und er gewinnt jedes einzelne Mal, nicht durch Kraft, sondern weil er genau weiß, wohin ein Mensch schaut, wenn man ihn ablenkt.
Teil 1 des Irland-Specials ist eine Märchenstunde in Überlänge. Keine Analyse, keine Einordnung, nur die Geschichten, so wie man sie sich in Irland erzählt hat. Die Einordnung kommt in Teil 2.
Quellen
— D. A. Binchy, „The Saga of Fergus mac Léti“, Ériu 16 (1952), S. 33–48. Die maßgebliche Edition und Übersetzung der altirischen Erzählung, in der die lúchorpáin auftreten. Binchys Übersetzung liegt der Nacherzählung in Kapitel I zugrunde, einschließlich der Einzelheiten zum Blasebalg-Vergleich, zum siebenjährigen Verschweigen des Makels und zu Fergus‘ letzten Worten.
— Thomas Crofton Croker, Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland, London 1825. Die früheste große Sammlung irischer Feenerzählungen. Aus ihr stammen drei der heutigen Geschichten: „The Haunted Cellar“ (Ballinacarthy und Naggeneen), „The Field of Boliauns“ (Tom Fitzpatrick) und „The Little Shoe“ (Molly Cogan). Croker verwendet für all diese Wesen durchgehend das Wort Cluricaune.
— Thomas Crofton Croker, „Seeing is Believing“, ebenda. Quelle für die Erzählung der Moirna Hogaune sowie für die Erläuterungen zum spré na skillenagh und zum Trick mit den zwei Börsen.
— Lady Morgan, O’Donnel: A National Tale, London 1814. Von Croker in den Anmerkungen zitiert; enthält die Beschreibung des Wesens als Hüter von Schätzen, die „in den Unruhen“ vergraben wurden, und die Erklärung, warum jede Markierung, die man setzt, sich über Nacht vervielfacht.
— D. R. McAnally Jr., Irish Wonders, Boston 1888. Quelle für die regionalen Varianten in Kapitel VI: der nordirische Leprechaun, der Lurigadawne von Tipperary, der Luricawne von Kerry, der Cluricawne von Monaghan und die Friesmantel-Fassung der Westküste.
— W. B. Yeats (Hrsg.), Fairy and Folk Tales of the Irish Peasantry, London 1888. Ordnet den Lepracaun zusammen mit Cluricaun und Far Darrig unter die „einzelgängerischen Feen“ ein — eine Einteilung, auf die wir in Teil 2 zurückkommen.
Teil 2 folgt: Woher der grüne Anzug kommt, wer ihn dem Leprechaun angezogen hat, und was ein amerikanisches Filmstudio damit zu tun hat.