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Woher der Leprechaun wirklich kommt — was die Forschung sagt (Irland-Special 2/2)

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Worum es in dieser Folge geht

In Teil 1 des Irland-Specials habe ich die alten Leprechaun-Geschichten nur erzählt. In Teil 2 frage ich, wer sie aufgeschrieben hat und was dabei mit der Figur passiert ist. Am Ende steht eine Kette von Menschen, die alle ein Stück an ihr verschoben haben, vom Mönch im 12. Jahrhundert bis zur Werbeagentur in den 1970ern.

Ein Wasserwesen aus verfluchter Linie

Mittelirische Gelehrte führten die Ungeheuer der Welt auf Kain und auf Cham, den verfluchten Sohn Noahs, zurück. Ein Text, den Simon Rodway 2010 neu herausgegeben hat, erzählt von Ambia, einer Tochter Kains, die als Sirene mit einer Forelle zweiundzwanzig Kinder bekommt. Eine Tochter namens Becnait wird dort zur Mutter der Leprechauns. In der Lebensbeschreibung des heiligen Brendan begegnen die Mönche Dämonen in Gestalt von Zwergen und Leprechauns, und ein mittelalterliches Glossar erklärt das Wort als „Erbe des Sees“.

Ein Wort, das nicht passt

Seit Whitley Stokes in den 1870er Jahren gilt: lúchorpán heißt „kleiner Körper“. Das habe ich in Teil 1 auch so erzählt, und in dieser Folge korrigiere ich mich. Jacopo Bisagni hat 2012 gezeigt, dass die älteste Handschrift, das Lebor na hUidre, die Form luprucan mit p hat, und dass die Wortbildung „kleiner Körper“ im Altirischen kaum vorkommt. Seine Herleitung führt zu den römischen Luperci. Irische Gelehrte lasen bei Augustinus von Männern, die durch einen See schwimmen und zu Wölfen werden, und hielten die Luperci für ein eigenes Volk von Gestaltwandlern. Der kleine Lupercus wurde zum lupracán. Seit 2019 folgt das große Wörterbuch des mittelalterlichen Irisch dieser Deutung. Entschieden ist die Frage damit nicht, aber sie ist wieder offen.

Ein König im Gesetzbuch

Die Fergus-Saga, die älteste Leprechaun-Geschichte, steht in den Kommentaren zum altirischen Recht, direkt vor einem Abschnitt über Pfändung. Neil McLeod hat gezeigt, dass fast jede Szene einen Rechtsfall aufwirft. Bisagni hält außerdem die verbreitete Datierung ins 8. Jahrhundert für genauer, als die Belege es hergeben.

Hausgeist statt Fee

Diarmuid Ó Giolláin hat über dreihundert Handschriften des irischen Folklore-Archivs ausgewertet. Sein Ergebnis: Mit dem Feenvolk hat der Leprechaun wenig gemein. Er ähnelt eher den Zwergen und dem Hausgeist. Die Geschichte von Naggeneen, der beim Umzug mitwill, kennt man ebenso vom englischen Boggart und vom deutschen Kobold.

Croker, Keightley und die Brüder Grimm

Thomas Crofton Crokers Fairy Legends von 1825 machten die Figur bekannt. Das Manuskript ging verloren, Freunde schrieben das Buch neu. Einer von ihnen, Thomas Keightley, gab später zu, die Geschichte „The Soul Cages“ nach einer deutschen Sage erfunden zu haben, und die stammte ausgerechnet von den Brüdern Grimm, die Crokers Buch 1826 als Irische Elfenmärchen übersetzten.

Rot, dann Grün

Im 19. Jahrhundert trägt der Leprechaun Rot, bei Croker, bei Samuel Lover und bei McAnally. Yeats‘ Einteilung in gesellige und einzelgängerische Feen stammt, wie Frank Kinahan zeigte, nicht aus eigener Feldforschung, sondern aus älteren Büchern. Wann genau das Grün kam, lässt sich an keiner einzelnen Quelle festmachen.

Disney in Killarney

Walt Disney bekam von der Irish Folklore Commission eines der größten Erzählarchive Europas angeboten. Laut Tony Tracy wählte er stattdessen ein amerikanisches Kinderbuch von 1903 als Vorlage für Darby O’Gill and the Little People. 1964 folgte das Lucky-Charms-Maskottchen. Als es 1975 zeitweise ersetzt wurde, hieß es, der Leprechaun sei für Kinder zu unfreundlich, weil er seine Flocken nicht teile. Genau die Eigenschaft, die sich über tausend Jahre gehalten hat.

Häufige Fragen

Was bedeutet das Wort „Leprechaun“?

Traditionell „kleiner Körper“. Nach Jacopo Bisagni geht es aber eher auf die römischen Luperci zurück, die irische Gelehrte für ein Volk von Gestaltwandlern hielten. Die Frage ist nicht endgültig geklärt.

Warum ist der Leprechaun grün?

In den Quellen des 19. Jahrhunderts trägt er Rot. Das Grün kam im 20. Jahrhundert, vermutlich über Irlands Nationalfarbe und den St. Patrick’s Day, ohne dass sich der Übergang an einer einzelnen Quelle festmachen lässt.

Kommt der Regenbogen mit dem Goldtopf in den alten Geschichten vor?

Nein. Weder bei Croker noch bei McAnally. Woher die Verbindung stammt, konnte ich nicht zuverlässig klären.

Mehr zur Figur im Lexikon: Leprechaun.

Über diese Folge

Letzte Woche haben wir die alten Geschichten erzählt. Heute fragen wir, wer sie geschrieben hat.

Der Leprechaun ist vermutlich nicht nach seinem „kleinen Körper“ benannt, sondern nach römischen Priestern, die irische Mönche für ein Volk von Wolfsmenschen hielten. Seine älteste Geschichte ist eine Lehrerzählung über Pfändungsrecht. Er trug im 19. Jahrhundert Rot, nicht Grün. Das Buch, das ihn berühmt machte, hat sein Herausgeber verloren und von Freunden neu schreiben lassen, und die Brüder Grimm haben es übersetzt. Und als Walt Disney Irlands größtes Erzählarchiv angeboten bekam, entschied er sich für ein amerikanisches Kinderbuch.

Teil 2 des Irland-Specials: die Geschichte einer Figur, an der viele Hände gearbeitet haben.

Quellen

— Jacopo Bisagni, „Leprechaun: a new etymology“, Cambrian Medieval Celtic Studies 64 (2012), S. 47–84. Die Kernquelle der Folge. Weist nach, dass die älteste handschriftliche Form lupracán lautet, zeigt, dass die Deutung als „kleiner Körper“ sprachlich kaum haltbar ist, und leitet das Wort von den Luperci ab, die irische Gelehrte über Augustinus als Volk von Gestaltwandlern verstanden. Enthält auch die Kritik an Binchys Datierung der Fergus-Saga ins achte Jahrhundert.

— D. A. Binchy, „The Saga of Fergus mac Léti“, Ériu 16 (1952), S. 33–48. Die Standardedition der Fergus-Saga; Quelle für die traditionelle Etymologie und Datierung.

— Neil McLeod, „Fergus mac Léti and the Law“, Ériu 61 (2011), S. 1–28. Zeigt, dass die Fergus-Saga als juristische Lehrerzählung zum Pfändungsrecht konstruiert ist.

— Simon Rodway, „Mermaids, Leprechauns, and Fomorians: A Middle Irish Account of the Descendants of Cain“, Cambrian Medieval Celtic Studies 59 (2010), S. 1–17. Edition der Erzählung von Ambia, der Sirene, und Becnait, der Mutter der Leprechauns.

— Diarmuid Ó Giolláin, „An Leipreachán san Ainmníocht“, Béaloideas 50 (1982), S. 126–150, und „The Leipreachán and Fairies, Dwarfs and the Household Familiar: A Comparative Study“, Béaloideas 52 (1984), S. 75–150. Die grundlegende volkskundliche Untersuchung, gestützt auf über dreihundert Handschriften des irischen Folklore-Archivs; ordnet den Leprechaun den Zwergen und Hausgeistern zu statt dem Feenvolk.

— Maureen Murphy, „Croker, Thomas Crofton“, Dictionary of Irish Biography. Quelle für den Verlust des Manuskripts, die Mitautoren, die Auflagengeschichte und die spätere Kritik.

— Thomas Keightley, The Fairy Mythology (spätere Auflage). Enthält Keightleys Eingeständnis, The Soul Cages nach einer Sage der Brüder Grimm erfunden zu haben.

— Jacob und Wilhelm Grimm (Übers.), Irische Elfenmärchen, Leipzig 1826. Übersetzung von Crokers Sammlung mit der Einleitung „Über die Elfen“.

— Frank Kinahan, „Armchair Folklore: Yeats and the Textual Sources of Fairy and Folk Tales of the Irish Peasantry„, Proceedings of the Royal Irish Academy 83C (1983), S. 255–267. Verfolgt Yeats‘ Feen-Klassifikation über McAnally zurück zu O’Hanlon.

— Tony Tracy, „When Disney Met Delargy: ‚Darby O’Gill‘ and the Irish Folklore Commission“, Béaloideas 78 (2010), S. 44–60. Die Hauptquelle für das Killarney-Kapitel.

— Diane Negra (Hrsg.), The Irish in Us: Irishness, Performativity, and Popular Culture, Durham 2006. Hintergrund für die Deutung der modernen Leprechaun-Figur als Nachfahre anti-irischer Karikaturen.

— General Mills, „The History of Lucky Charms“; Atlas Obscura zu Waldo the Wizard. Quellen für Einführung und zeitweiligen Austausch des Lucky-Charms-Maskottchens.

— Dáil Éireann, Debatte vom 11. Dezember 1963. John A. Costellos Kritik an der irischen Tourismuswerbung.

Nächste Folge: Der Auftakt der neuen Reihe über die Brüder Grimm.

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