Wer ist die Mittagsfrau?
Die meisten Gespenster kommen in der Nacht. Die Mittagsfrau kommt, wenn die Sonne am höchsten steht. In der Lausitz heißt sie sorbisch Připołdnica, in Polen Południca, in Tschechien Polednice. Sie erscheint als hochgewachsene Frau in Weiß auf den Feldern, häufig mit einer Sichel in der Hand, und spricht die Menschen an, die mittags noch arbeiten.
Die tödliche Frage
In vielen sorbischen Sagen stellt sie Fragen, etwa danach, wie man Flachs anbaut und verarbeitet. Wer bis zum Ende der Mittagsstunde antworten kann, ist gerettet. Wer stockt, dem schneidet sie den Kopf ab oder er bricht tot zusammen. Friedrich Sieber hat eine dieser Sagen unter dem Titel „Die Mittagsfrau fragt zu Tode“ überliefert. Elias Canetti griff das Motiv in Masse und Macht im Kapitel über Frage und Antwort auf.
Herkunft und Quellen
Die wichtigsten deutschsprachigen Sammlungen stammen aus dem 19. Jahrhundert: Karl Haupts Sagenbuch der Lausitz von 1862, Johann Georg Theodor Grässes Sagenschatz des Königreichs Sachsen und Edmund Veckenstedts Wendische Sagen von 1880. Eine ältere Spur liegt in der Bibel: Psalm 90 spricht in der lateinischen Vulgata vom daemonium meridianum, dem Dämon des Mittags.
Nahe liegt auch eine ganz praktische Erklärung. Wer in der Erntezeit in der Mittagshitze auf dem Feld blieb, riskierte Hitzschlag und Sonnenstich. Die Sage schickte die Leute in den Schatten.
In Literatur, Musik und Spiel
Karel Jaromír Erben machte die Polednice 1853 in seiner Balladensammlung Kytice zur Kinderschreckgestalt: Eine Mutter droht ihrem Kind mit der Mittagshexe, und die Mittagshexe kommt. Antonín Dvořák vertonte die Ballade 1896 als sinfonische Dichtung. In The Witcher 3 tritt sie als „Mittagserscheinung“ auf.
Folge zum Thema
Literatur
- Karl Haupt: Sagenbuch der Lausitz, Bd. 1, Leipzig 1862.
- Johann Georg Theodor Grässe: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Dresden 1855.
- Edmund Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche, Graz 1880.
- Friedrich Sieber: Wendische Sagen, 1925.
- Karel Jaromír Erben: Kytice, 1853.
- Elias Canetti: Masse und Macht, 1960.