Was ist ein Wendigo?
In den Erzählungen der Cree, Ojibwe, Innu und anderer algonkinsprachiger Völker ist der Wendigo ein Geist des Winters und des Hungers. Er ist abgemagert, eiskalt und unersättlich. Je mehr er frisst, desto größer wird sein Hunger. Ein Mensch kann selbst zum Wendigo werden, wenn er in der Not Menschenfleisch isst oder von Gier ergriffen wird.
Eine Warnung
Der Wendigo verkörpert das, was eine Gemeinschaft im harten Winter am meisten fürchten musste: dass Einzelne nur noch an sich denken. Die Geschichten mahnen zum Teilen und zur Mäßigung.
Wendigo vor Gericht
Mehrere Fälle sind dokumentiert, in denen der Glaube vor Gericht kam. 1879 wurde der Cree Swift Runner in Alberta hingerichtet, weil er im Winter seine Familie getötet und gegessen hatte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Jack Fiddler, ein Anführer der Oji-Cree, verhaftet, weil er Menschen getötet hatte, die er für Wendigos hielt.
Was die Forschung sagt
Lange sprach man von einer „Wendigo-Psychose“, einer kulturgebundenen psychischen Störung, bei der Betroffene glauben, zum Wendigo zu werden. Der Anthropologe Lou Marano hat 1982 bezweifelt, dass es diese Störung je in dieser Form gab. Er sah eher Fälle, in denen Gemeinschaften Menschen als Wendigo beschuldigten und töteten. Das Bild mit Hirschgeweih aus Filmen und Spielen ist eine moderne Erfindung.
Folge zum Thema
Literatur
- Lou Marano: „Windigo Psychosis: The Anatomy of an Emic-Etic Confusion“, Current Anthropology 23 (1982).