Beim Klick wird das Video von YouTube geladen. Dabei werden Daten an Google übertragen. Datenschutz
Als Podcast hören
Worum es in dieser Folge geht
In der Nacht des São João, der kürzesten Nacht des Jahres, sitzt an einer Quelle eine Frau mit goldenem Haar und bietet einen Schatz für einen einzigen Kuss ohne Angst. Fast niemand besteht diese Probe. In dieser Folge frage ich, wer die Moura Encantada wirklich ist und warum ihre Erlösung fast nie gelingt.
Was man sich erzählt
Im Norden Portugals und in Galicien kennt fast jedes Dorf seine Moura. Sie sitzt an der Quelle, wohnt in der Höhle unter dem Burghügel oder im Steinhügel auf dem Feld, den man Casa da Moura nennt. Es gibt die Geschichte vom Kuss, der misslingt, weil sie im letzten Moment zur Schlange wird. Die vom Gold, das am Morgen zu Kohle geworden ist. Und die von den Moura-Steinen, die Unglück bringen, wenn man sie mitnimmt. Immer geht es um eine Schwelle zwischen dieser Welt und einer anderen.
Wer sie im Volksglauben ist
José Leite de Vasconcelos, der Begründer der portugiesischen Volkskunde, beschrieb die Mouras als Wesen in einer Art Belagerungszustand, gebannt und wie schlafend. Wo sie auftaucht, ist fast immer Wasser in der Nähe. Zófimo Consiglieri Pedroso nannte sie weibliche Wassergeister.
Eine Umbenennung
Der Name klingt nach mouro, dem Mauren. Viele Legenden erzählen von einer maurischen Prinzessin, die bei der Rückeroberung verzaubert zurückblieb, und Alexandre Herculano hat solche Stoffe 1851 literarisch gestaltet. Diese Erklärung stimmt vermutlich nicht.
Das Wort für die Toten
Der Philologe Isidoro Millán führt das Wort auf eine keltische Wurzel zurück, die „der Tote“ bedeutet. Dann ergibt alles einen Sinn: der Schatz als Grabbeigabe, die Unterwelt als Wohnort, die Erlösung, die scheitern muss, weil man die Toten nicht zurückholt. Als die Christen das Land eroberten, gaben sie den Toten der Vorzeit das Gesicht ihrer eigenen jüngsten Feinde.
Die Moura als Landkarte
Der Archäologe Francisco Martins Sarmento nutzte in den 1870er Jahren Moura-Sagen und Flurnamen als Hinweise, als er die Citânia de Briteiros ausgrub. Casa da Moura heißt, so gelesen, wörtlich: Haus der Toten. Die Bauern hatten den richtigen Namen über Jahrtausende bewahrt.
Warum der Kuss scheitern muss
Isabel Cardigos liest die Moura als Schlangenfrau, die im entscheidenden Moment unverfügbar wird. Zusammen mit der Deutung als Tote ergibt das ein Bild: Eine Geschichte, in der die Erlösung gelingt, wäre eine Geschichte, in der die Toten zurückkehren.
Häufige Fragen
Was ist eine Moura Encantada?
Eine verzauberte Frau aus portugiesischen und galicischen Sagen, die an Quellen und alten Steinhügeln einen Schatz hütet und nur durch einen furchtlosen Kuss erlöst werden kann.
Ist die Moura eine maurische Prinzessin?
So erzählen es viele Legenden. Philologisch spricht einiges dafür, dass der Name ursprünglich „die Tote“ bedeutet und die maurische Deutung später dazukam. Das ist allerdings umstritten.
Mehr im Lexikon: Moura Encantada.
Über diese Folge
Am Rand einer Quelle, in der kürzesten Nacht des Jahres, sitzt eine Frau von unwirklicher Schönheit und kämmt ihr goldenes Haar. Sie bietet dir einen Schatz – für einen einzigen Kuss ohne Angst. Fast niemand besteht diese Probe. Die Moura Encantada ist eine der bekanntesten Gestalten der portugiesischen und galicischen Volkssage – und zugleich eine der am meisten missverstandenen. In dieser Folge folgen wir ihr von der Quelle bis in echte, aufgegrabene Gräber und entdecken, dass ihr Name eine ganz andere Geschichte erzählt als die von der maurischen Prinzessin: eine Geschichte über die Toten, über das Umbenennen der Besiegten – und darüber, warum manche Grenzen nicht überschritten werden dürfen.
📚 QUELLEN & WEITERFÜHRENDE LITERATUR
• José Leite de Vasconcelos, Tradições Populares de Portugal (1882) – Grundwerk der portugiesischen Ethnografie; liefert die klassische Definition der Moura als Wesen in „Belagerungszustand“ und die Vermutung einer Verschmelzung mit älteren Quell- und Naturgottheiten.
• José Leite de Vasconcelos, Etnografia Portuguesa (posthum 1933–1988) – vielbändiges Standardwerk; ordnet die Moura in den weiteren Kontext des Volksglaubens ein.
• Zófimo Consiglieri Pedroso, Contribuições para uma Mitologia Popular Portuguesa (1882) – bezeichnet die Mouras als „weibliche Wassergeister“.
• Teófilo Braga, Contos Tradicionais do Povo Português (1883) – frühe Sammlung der Erzählstoffe, u. a. Varianten der Entzauberungssagen.
• Alexandre Herculano, Lendas e Narrativas (1851) – literarische Bearbeitung der Reconquista-Legende von der maurischen Prinzessin.
• Francisco Martins Sarmento – Ausgrabungen der Citânia de Briteiros (ab 1875); nutzte Moura-Sagen und -Flurnamen als Hinweis auf lusitanische und keltiberische Fundstätten.
• Isidoro Millán – philologische Herleitung von Mouro/Moura aus der keltischen Wurzel mrvos („der/die Tote“), verwandt mit lat. mortuus.
• Isabel Cardigos, The Enchanted Calendar of the Mouras Encantadas – Deutung der Schlangenfrau als der „unverfügbaren“ Frau und Analyse, warum die Erlösung strukturell scheitern muss.
Anmerkung: Volkssagen existieren in unzähligen regionalen Varianten. Dieses Video gibt die verbreitetsten Motive wieder.