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Worum es in dieser Folge geht
Kein Cape, keine Fangzähne, kein Schloss: Der Nachzehrer liegt in seinem Grab und frisst, und mit jedem Bissen stirbt jemand an der Oberfläche. In dieser Folge stelle ich einen der unheimlichsten Untoten der deutschen Folklore vor, den heute kaum noch jemand kennt.
Was ist ein Nachzehrer?
Der Name setzt sich aus „nach“ und „zehren“ zusammen. Der Nachzehrer ernährt sich nach dem Tod von den Lebenden, ohne das Grab zu verlassen, indem er an seinem Leichentuch oder am eigenen Körper kaut. Die Opfer werden müde, blass und sterben. Der Glaube reicht mindestens ins späte Mittelalter zurück.
Wie man zum Nachzehrer wird
Nicht durch einen Biss. Gefährdet waren Menschen, die durch Suizid starben, der erste Tote einer Seuche, in Bayern Kinder mit einer Glückshaube, und Tote, deren Name nicht von der Grabkleidung entfernt worden war.
Die Zeichen im Grab und die Abwehr
Öffnete man ein verdächtiges Grab, suchte man nach einem offenen linken Auge, einem weichen Körper, einem zerkauten Tuch. Man legte Steine, Erde oder Münzen in den Mund, bestattete mit dem Gesicht nach unten oder trennte den Kopf ab. In der kaschubischen Überlieferung kann der Nachzehrer sich in ein Schwein verwandeln, und sein Schatten allein soll töten.
Die kaschubischen Verwandten
Bei den Kaschuben in Pommern gab es den Vjesci, der mit einer Glückshaube geboren wurde, und den Wupji, der mit Zähnen zur Welt kam. Vor der Beerdigung hielt man die Pustô Noc, die „Leere Nacht“, eine Totenwache mit Gebet und Gesang.
Die akademische Debatte
Der Nachzehrer war Stoff für gelehrten Streit. Philipp Rohr veröffentlichte 1679 in Leipzig seine Dissertation über das Kauen der Toten, Michael Ranft folgte 1728 mit De masticatione mortuorum in tumulis, gerade als der Fall Peter Plogojowitz die Vampirdebatte in Europa entfachte.
Der Fund von Venedig
2006 fand ein Team um Matteo Borrini auf der Insel Lazzaretto Nuovo in einem Pestgrab von 1576 eine Frau mit einem Ziegelstein zwischen den Kiefern. Borrini sah darin einen Abwehrritus gegen einen Wiedergänger, andere Forscher sind vorsichtiger. 2024 wurde ihr Gesicht rekonstruiert, das Gesicht einer ganz normalen Frau.
Die Erklärung
Was die Totengräber sahen, war Verwesung: Gase, austretende Flüssigkeit, ein zerrissenes Tuch, zurückgezogene Lippen. Für Menschen ohne Wissen über Mikrobiologie sah das aus wie ein Toter, der gegessen hat.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Nachzehrer und Vampir?
Der Vampir verlässt das Grab und jagt. Der Nachzehrer bleibt im Grab und tötet aus der Ferne, indem er kaut.
Was ist die Vampirin von Venedig?
Eine Frau aus einem Pestgrab von 1576 auf der Insel Lazzaretto Nuovo, der man einen Ziegelstein in den Mund gelegt hatte.
Mehr im Lexikon: Nachzehrer.
Über diese Folge
Er liegt in seinem Grab. Er kaut an seinem Leichentuch. Und mit jedem Bissen stirbt jemand an der Oberfläche.Der Nachzehrer ist einer der unheimlichsten Untoten der deutschen Folklore — und fast niemand kennt ihn. Kein Schloss, keine Fangzähne, kein Cape. Nur ein Toter, der unter der Erde frisst und dabei seine eigene Familie ins Grab zieht. In dieser Episode tauchen wir tief ein in die Geschichte eines Wesens, das über Jahrhunderte hinweg in Norddeutschland, Schlesien, Bayern und bis nach Polen gefürchtet wurde.Wir sprechen über die Ursprünge des Nachzehrers in der Pestzeit, über die akademische Vampirdebatte an der Universität Leipzig im 18. Jahrhundert, über das kaschubische Ritual der „Leeren Nacht“ — und über einen archäologischen Fund in Venedig, bei dem eine Frau mit einem Ziegelstein im Mund in einem Pestgrab entdeckt wurde. Und wir klären, was die Totengräber damals wirklich sahen, wenn sie die Gräber öffneten — und warum die natürliche Erklärung fast genauso verstörend ist wie der Mythos.