Beim Klick wird das Video von YouTube geladen. Dabei werden Daten an Google übertragen. Datenschutz
Als Podcast hören
Worum es in dieser Folge geht
Die Lamia ist eine der ältesten Schreckgestalten der Menschheit. In dieser Folge verfolge ich sie von einer Vampirbraut in Korinth über eine libysche Königin bis zu den Flüssen Mesopotamiens, und ich frage, welche Angst hinter ihr steckt.
Die Braut von Korinth
Philostrat erzählt um 220 n. Chr. von Menippos, einem jungen Philosophen, dem am Weg nach Kenchreai eine schöne, reiche Frau ihre Liebe gesteht. Am Hochzeitstag entlarvt der Weise Apollonios von Tyana das Haus, das Gold und die Braut als Täuschung. Sie wollte den Bräutigam mästen, um sein Blut zu trinken. Es ist eine der ersten Vampirgeschichten der Weltliteratur.
Was man sich zuflüsterte
Griechische Ammen drohten unartigen Kindern mit der Lamia. Man erzählte, sie könne ihre Augen herausnehmen und in eine Schale legen. Sie gehört zu einer Schar verwandter Gestalten wie Empousa, Mormo und Gello.
Die Königin von Libyen
Die älteste fassbare Fassung stammt von Duris von Samos um 280 v. Chr. Die Lamia ist eine Königin, Geliebte des Zeus, und Hera nimmt ihr alle Kinder. Vor Trauer wahnsinnig, wird sie zur Kindsmörderin. Diodor macht daraus später eine grausame Tyrannin. Am Anfang steht in beiden Fassungen kein Monster, sondern eine Mutter, der man die Kinder genommen hat. Ein antiker Kommentator leitet den Namen von laimós ab, dem Schlund.
Die Bestie auf dem Berg
Antoninus Liberalis überliefert die Geschichte vom Ungeheuer am Berg Kirphis bei Delphi, dem ein junger Mann geopfert werden soll, bis Eurybatos an seine Stelle tritt. Statius erzählt ein ähnliches Motiv in der Thebais.
Älter als Griechenland
Im Zweistromland fürchtete man Lamaschtu, eine Dämonin mit Löwenkopf, die Frauen im Kindbett und Neugeborene angriff. Walter Farber hat sie 2014 umfassend aufgearbeitet. In der jüdischen Überlieferung erscheint dieselbe Gestalt als Lilith, und Hieronymus übersetzte ihren Namen in der Vulgata mit „Lamia“.
Die neidischen Toten
Sarah Iles Johnston deutet Lamia, Gello und Mormo als Dämoninnen, hinter denen die Geister zu früh gestorbener Frauen standen. Auf antiken Grabsteinen schrieben Eltern den Tod ihrer Kinder einem „neidischen Dämon“ zu. Byzantinische Beschwörungen gegen die Dämonin Gyllou und Amulette an der Wiege sollten schützen.
Die schöne Schlange
Das Bild der verführerischen Schlangenfrau prägte vor allem John Keats mit seinem Versepos Lamia von 1819. Darunter liegt immer noch die Königin in ihrer Höhle, der man alles genommen hat.
Häufige Fragen
Wer ist die Lamia in der griechischen Mythologie?
Eine libysche Königin und Geliebte des Zeus, der Hera die Kinder nahm. Aus Trauer wurde sie zur Kindsmörderin und später zur Schreckgestalt und Verführerin.
Was haben Lamia, Lilith und Lamaschtu gemeinsam?
Alle drei bedrohen Säuglinge und Gebärende. In ihnen verdichtet sich über Jahrtausende die Angst vor dem plötzlichen Tod von Kindern.
Mehr im Lexikon: Lamia.
Über diese Folge
Sie steht am Wegrand, sie ist schön, sie liebt dich — und sie mästet dich, um dein Blut zu trinken. Die Lamia ist eine der ältesten Schreckgestalten der Menschheit und zugleich eine der traurigsten. In dieser Folge folgen wir ihr von einer antiken Vampirbraut in Korinth über eine libysche Königin, der eine eifersüchtige Göttin alle Kinder nahm, bis hinab zu den Flüssen Mesopotamiens, wo ihre Urahnin Lamaschtu schon tausend Jahre früher gefürchtet wurde. Und wir fragen, was diese Dämonin über eine Angst verrät, die nie verschwunden ist – die Angst um die Kinder, den Tod ohne Grund, und die Frau, der man das Gesicht des Ungeheuers gab.
📚 QUELLEN & WEITERFÜHRENDE LITERATUR
• Duris von Samos (um 280 v. Chr.), Fragment (FGrH 76 F 17) – überliefert die archetypische Lamia-Sage von der libyschen Königin, Tochter des Belos.
• Aristophanes, Der Frieden (421 v. Chr.) und Scholien dazu – früheste literarische Erwähnungen; der Scholiast leitet den Namen von laimós („Schlund“) her.
• Diodor von Sizilien, Bibliotheke 20,41 (um 30 v. Chr.) – rationalisierte Fassung der Lamia als grausame, trunksüchtige Königin; Deutung der „herausnehmbaren Augen“.
• Plutarch, Über die Neugier 2 (um 100 n. Chr.) – die Fabel von den Augen, die die Lamia in ein Gefäß legt.
• Philostrat, Das Leben des Apollonios von Tyana 4,25 (um 220 n. Chr.) – die Vampirbraut von Korinth und Menippos; nennt das Wesen Empousa/Lamia.
• Antoninus Liberalis, Metamorphosen 8 (um 150 n. Chr., nach Nikander) – die Sage von der Lamia/Sybaris am Berg Kirphis bei Delphi und ihrer Tötung durch Eurybatos.
• Statius, Thebais 1,562–669 (92 n. Chr.) – das kindermordende Scheusal, das Apollon gegen Argos sendet und das der Held Koroibos erschlägt.
• Byzantinische Sisinnios-/Gyllou-Beschwörungstexte – die Dämonin muss ihre „zwölfeinhalb Namen“ preisgeben; Hintergrund der Schutzamulette gegen Kindstod.
• Sappho, Fragment 178 (um 600 v. Chr.) – früheste Nennung der verwandten Gello.
• Hieronymus, Vulgata, Jesaja 34,14 (um 400 n. Chr.) – übersetzt das hebräische Lilith mit Lamia.
• Walter Farber, Lamaštu. An Edition of the Canonical Series (Eisenbrauns 2014) – Standardwerk zur mesopotamischen Vorläuferin Lamaschtu.
• Sarah Iles Johnston, Restless Dead. Encounters Between the Living and the Dead in Ancient Greece (University of California Press 1999) – deutet Lamia, Gello und Mormo als „reproductive demons“, die Geister der zu früh oder im Kindbett Gestorbenen.
• John Keats, Lamia (1819), nach Robert Burton, The Anatomy of Melancholy (1621) – prägt das moderne Bild der schlangengestaltigen Verführerin.
Anmerkung: Die antiken Quellen widersprechen sich in vielen Einzelheiten. Dieses Video gibt die wichtigsten Überlieferungsstränge wieder