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Worum es in dieser Folge geht
Im Jahr 858 verzeichnen die Fuldaer Annalen zwischen Wikingerüberfällen und Kometen einen ungewöhnlichen Eintrag: In einem Gutshof bei Bingen am Rhein wirft ein „böser Geist“ drei Jahre lang Steine, verrät Diebstähle, deckt eine Affäre auf und brennt am Ende fast die ganze Siedlung nieder. In dieser Folge gehe ich die Quelle Schritt für Schritt durch. Auflösen kann ich den Fall nicht. Aber am Ende liegt alles auf dem Tisch, was wir wirklich wissen.
Die Quelle
Die Annales Fuldenses sind eine Reichschronik, keine Sagensammlung. Den Eintrag schrieb mit hoher Wahrscheinlichkeit Rudolf von Fulda, ein Schüler des Hrabanus Maurus. Rudolf war vor allem Hagiograf, er schrieb Heiligenleben und Wunderberichte. Das macht ihn nicht zum Lügner, aber zu jemandem, der genau wusste, wie man Übernatürliches erzählt.
Was 858 geschah
Zuerst kommen Steine und Schläge gegen die Wände. Dann beginnt eine Stimme zu sprechen und nennt Diebe. Schließlich wendet sie den Hass aller gegen einen einzigen Mann: Wegen seiner Sünden müsse das Dorf leiden. Jedes Haus, das er betritt, brennt. Niemand nimmt ihn mehr auf, nicht einmal seine Verwandten. Er lebt mit Frau und Kindern auf dem Feld, seine Ernte verbrennt, und das Dorf will ihn töten. Er unterzieht sich dem Gottesurteil mit glühendem Eisen und besteht. Die Chronik sagt kein Wort darüber, dass ihm das geholfen hätte.
Der gescheiterte Exorzismus
Aus Mainz kommen Priester mit Reliquien, Kreuzen und Weihwasser. Der Geist bewirft sie mit Steinen. Danach behauptet er, sich unter dem Chormantel eines Priesters versteckt zu haben, und verrät, dass dieser mit der Tochter des Gutsverwalters geschlafen habe. Dabei zitiert der Geist fast wörtlich den zweiten Petrusbrief. Wer auch immer da sprach, kannte die Schrift.
Vier Lesarten
Ich stelle vier Erklärungen nebeneinander: ein Mensch im Dorf, der eine Agenda hatte; serielle Brandstiftung mit einem fertigen Sündenbock; die Dorfgemeinschaft selbst, die ihre Konflikte über eine Stimme ohne Absender austrägt; und die Möglichkeit, dass ein Teil der Geschichte erst am Schreibpult in Fulda entstand. Die Mutterkorn-These und die Behauptung, es sei der älteste Poltergeist Europas, halte ich für zu schwach belegt.
Das Muster
Steine, Klopfen, Feuer, eine anklagende Stimme und ein Mensch, dem am Ende alle ins Gesicht sehen: Dieses Muster findet sich in Tedworth 1662, im Londoner Cock-Lane-Geist von 1762 und in Rosenheim 1967 wieder.
Häufige Fragen
Was ist der Klopfgeist von Bingen?
Ein Spukfall, den die Fuldaer Annalen für das Jahr 858 überliefern: Ein Geist warf in einem Gutshof bei Bingen Steine, verriet Geheimnisse und legte über drei Jahre Feuer.
Ist Bingen der älteste Poltergeist-Fall?
Das wird oft behauptet, ist aber zu stark formuliert. Berichte über lärmende Geister gibt es schon früher. Besonders ist Bingen, weil der Fall in einer zeitgenössischen Reichschronik steht.
Mehr im Lexikon: Poltergeist.
Über diese Folge
Im Jahr 858 verzeichnen die Fuldaer Annalen – eine der wichtigsten Geschichtsquellen des ostfränkischen Reiches – einen Vorfall, der zwischen Wikingerüberfällen und Kometenerscheinungen völlig aus dem Rahmen fällt: In einem Gutshof bei Bingen am Rhein warf ein „böser Geist“ drei Jahre lang Steine, hämmerte gegen Wände, verriet Diebstähle, deckte eine Affäre des Dorfpriesters auf, trieb einen unschuldigen Mann mit seiner Familie aufs offene Feld und brannte am Ende fast die gesamte Siedlung nieder. Der aus Mainz entsandte Exorzismus scheiterte.
In dieser Folge gehen wir Schritt für Schritt durch die Quelle, schauen uns an, wer sie geschrieben hat und warum, klären den Rechtsvorgang des Gottesurteils mit glühendem Eisen, und stellen vier Lesarten nebeneinander – von der schlichten Menschenhand über serielle Brandstiftung bis zu der Frage, wie viel davon erst am Schreibpult in Fulda entstanden ist. Aufgelöst wird nichts. Aber alles, was wir wirklich wissen, liegt am Ende auf dem Tisch.
QUELLEN & LESELISTE
Primärquelle
- Annales Fuldenses (Fuldaer Annalen), Eintrag zum Jahr 858
- Lateinische Edition: Friedrich Kurze (Hrsg.), Annales Fuldenses sive Annales regni Francorum orientalis, Monumenta Germaniae Historica, Hannover 1891
- Englische Übersetzung mit Kommentar: Timothy Reuter, The Annals of Fulda (Ninth-Century Histories, Bd. 2), Manchester University Press
Zum Autor und zum Kloster Fulda
- Rudolf von Fulda: Vita Leobae (836) und Miracula sanctorum in Fuldenses ecclesias translatorum (ca. 843–847), ediert von Georg Waitz, MGH SS 15/1, 1887
- Gangolf Schrimpf (Hrsg.), Kloster Fulda in der Welt der Karolinger und Ottonen (Fuldaer Studien 7), Frankfurt am Main 1996
Region und Gesellschaft
- Matthew Innes, State and Society in the Early Middle Ages: The Middle Rhine Valley 400–1000, Cambridge University Press 2000
Gottesurteil / Eisenprobe
- Robert Bartlett, Trial by Fire and Water: The Medieval Judicial Ordeal, Oxford 1986
Gespenster- und Dämonenglaube im Mittelalter
- Claude Lecouteux, Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter, Böhlau, Köln 1987
- Jean-Claude Schmitt, Die Wiederkehr der Toten. Geistergeschichten im Mittelalter (frz. Original 1994)
Wortgeschichte
- Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Eintrag „Poltergeist“
- Erasmus Alberus, Novum dictionarii genus, 1540
Rationalistische Einordnung und moderne Fälle
- Herbert Schäfer, Poltergeister und Professoren. Über den Zustand der Parapsychologie, Bremen 1994
- F. Karger / G. Zicha, „Physikalische Untersuchung des Spukfalls in Rosenheim 1967″, in: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 11 (1968), S. 113–131
Zur Ergotismus-Debatte
- Alessandra Foscati, Saint Anthony’s Fire from Antiquity to the Eighteenth Century, Amsterdam University Press 2020
- Annales Xantenses (Annalen von Xanten), Eintrag zum Jahr 857