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Worum es in dieser Folge geht
Jedes Jahr am ersten Wochenende nach Aschermittwoch brennen in Vorarlberg hohe Holztürme, und oben explodiert eine mit Schwarzpulver gefüllte Hexenpuppe. Die übliche Erklärung lautet: uraltes Heidentum, Vertreibung der Winterdämonen. Ein Zuschauer aus Vorarlberg war damit nicht zufrieden und hat mir das Thema vorgeschlagen. Je tiefer ich gegraben habe, desto überraschender wurde die Geschichte.
Das Feuer ist alt
Funken brennen im ganzen schwäbisch-alemannischen Raum, von Liechtenstein und der Schweiz bis ins Allgäu. Der älteste Beleg stammt von 1090: Im Kloster Lorsch setzte eine brennende Holzscheibe das Kloster in Brand. Die germanische Deutung lässt sich nicht belegen. Der Termin hängt mit dem Ende der Fastnacht und einer Verschiebung der Fastenzeit zusammen. Der Volkskundler Matthias Zender führte das Feuer auf das römische Neujahrsfeuer am 1. März zurück, an dem das Feuer der Vesta neu entzündet wurde.
Die Hexe ist jung
Die Hexenpuppe ist kein Rest der frühneuzeitlichen Hexenverbrennungen. Nach dem Historiker Manfred Tschaikner kam sie erst im 19. Jahrhundert dazu, angelehnt an die Hexe aus Hänsel und Gretel, um einem schwindenden Brauch neues Leben zu geben.
Die echten Hexen von Vorarlberg
Zwischen 1528 und 1677 standen im heutigen Vorarlberg über zweihundert Menschen wegen Hexerei vor Gericht, mindestens 122 wurden hingerichtet, die meisten von ihnen Frauen. Tschaikner hat diese Prozesse in „Damit das Böse ausgerottet werde“ dokumentiert.
Verwandte Bräuche
Der Böögg beim Zürcher Sechseläuten, das Scheibenschlagen im Montafon und die Feuerräder zeigen dasselbe Muster: Die Figuren sind meist jünger als die Feste, und mythologische Deutungen wie das Sonnenrad sind mit Vorsicht zu genießen.
Die Erfindung einer Tradition
Der Ethnologe Reinhard Johler hat gezeigt, wie der Funken immer wieder neu geformt wurde: im Ständestaat der 1930er Jahre politisch vereinnahmt, ab 1987 sogar als Vorarlberger Funken in Wien abgebrannt. Seit 2010 steht der Brauch auf der Liste des immateriellen Kulturerbes. Das Vorarlberger Frauenreferat und Tschaikner selbst kritisieren die Hexenverbrennung, gerade weil sie eine Erfindung ist, die echte Gewalt gegen echte Frauen in ein Spiel verwandelt.
Häufige Fragen
Wie alt ist die Funkenhexe?
Sie stammt vermutlich aus dem 19. Jahrhundert. Das Feuer selbst ist viel älter und seit 1090 belegt.
Ist der Funken ein heidnischer Brauch?
Eine germanische Herkunft ist nicht belegt. Die Forschung verbindet den Termin mit dem Ende der Fastnacht und möglicherweise mit einem römischen Neujahrsfeuer.
Mehr im Lexikon: Funkenhexe.
Über diese Folge
Jedes Jahr am ersten Wochenende nach Aschermittwoch werden in Vorarlberg dreißig Meter hohe Holztürme errichtet — und mitsamt einer sprengstoffgefüllten Hexenpuppe angezündet. Der Brauch heißt „Funken“, gehört zum UNESCO-Kulturerbe, und die gängige Erklärung lautet: uraltes Heidentum, Vertreibung der Winterdämonen. Aber stimmt das?
In dieser Folge gehe ich einem Zuschauervorschlag nach und entdecke eine Geschichte, die viel überraschender ist als jeder Mythos. Das Feuer reicht möglicherweise bis in die römische Antike zurück — zu den Vestalinnen und dem heiligen Feuer, das am 1. März, dem alten römischen Neujahr, neu entzündet wurde. Die Hexe hingegen ist kaum 200 Jahre alt: eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, inspiriert von den Brüdern Grimm, um einem sterbenden Brauch neues Leben einzuhauchen. Und sie steht in scharfem Kontrast zu den echten Hexenverfolgungen in Vorarlberg, bei denen über 120 Menschen — neunzig Prozent davon Frauen — hingerichtet wurden.
Eine Folge über Feuer, Mythen, politische Identität und die Frage, wer eigentlich das Recht hat, eine Geschichte zu erzählen.
Quellen & weiterführende Literatur:
— Manfred Tschaikner: „Damit das Böse ausgerottet werde.“ Hexenverfolgungen in Vorarlberg im 16. und 17. Jahrhundert. Bregenz, 1992.
— Manfred Tschaikner: „Die Lust, Hexen zu verbrennen. Bemerkungen zur Brauchtumspflege.“ In: Der Bludenzer, 1996.
— Manfred Tschaikner: „Wohin mit den Funkenhexen? Ansichten zu einem umstrittenen Brauchtum.“ In: Vorarlberger Nachrichten, 3./4. Februar 2024.
— Manfred Tschaikner: „Von der Fasnachtsschlacht zur Hexenverbrennung.“ Vortrag, Vorarlberg Museum.
— Reinhard Johler: Die Formierung eines Brauches. Der Funken- und Holepfannsonntag. Studien aus Vorarlberg, Liechtenstein, Tirol, Südtirol und dem Trentino. Wien, 2000.
— Matthias Zender: Die Termine der Jahresfeuer in Europa. Erläuterungen zur Verbreitungskarte. Göttingen, 1980.
— Franz Josef Fischer: Der Funken- und Küachlesonntag in Vorarlberg und Liechtenstein. Verlag der Heimat, 1921.
— Hermann Bausinger: Zur Kritik der Folklorismuskritik, 1969.