Was ist ein Nachzehrer?
Der Nachzehrer verlässt sein Grab nicht. Das unterscheidet ihn vom Vampir der späteren Literatur. Er liegt im Sarg, kaut auf dem Leichentuch oder auf seinem eigenen Fleisch, und solange er das tut, sterben die Menschen, die ihm nahestanden. Der Name sagt es: Er „zehrt nach“, er verzehrt die Hinterbliebenen aus der Ferne.
Belegt ist der Glaube in Norddeutschland, in Schlesien, in Bayern und in Teilen Polens. Bei den Kaschuben gehörte zur Totenwache die „Leere Nacht“, in der man mit Gebeten und Gesang verhindern wollte, dass der Verstorbene zum Nachzehrer wird.
Woran man ihn erkannte und was man tat
Verdächtig war, wer mit offenem Mund oder offenen Augen starb, wer mit einer Glückshaube geboren worden war oder wessen Leiche nach dem Tod nicht steif wurde. Kam es kurz nach einer Beerdigung zu weiteren Todesfällen in der Familie, öffnete man mitunter das Grab. Dem Toten wurde ein Stein, eine Münze oder Erde in den Mund gelegt, damit er nicht mehr kauen konnte. In schweren Fällen trennte man den Kopf ab.
Herkunft und Quellen
Der Glaube hängt eng mit den großen Seuchen zusammen. Wenn in einem Haus einer nach dem anderen starb, brauchte man eine Erklärung, und der zuerst Gestorbene bot sich an. Schon im 17. und 18. Jahrhundert stritten Gelehrte an der Universität Leipzig über das „Kauen der Toten in den Gräbern“: Philipp Rohr veröffentlichte 1679 eine Dissertation dazu, Michael Ranft 1728 seine Schrift De masticatione mortuorum in tumulis.
Archäologisch spektakulär ist ein Fund von der Lagune von Venedig: In einem Massengrab aus der Pestzeit lag eine Frau, der man einen Ziegelstein in den Mund gezwängt hatte. Matteo Borrini und Kollegen haben den Fund forensisch untersucht.
Was die Forschung sagt
Was die Totengräber sahen, war sehr wahrscheinlich die normale Verwesung. Gase blähen den Körper auf, aus Mund und Nase tritt Flüssigkeit aus, und das Leichentuch über dem Gesicht zersetzt sich zuerst und reißt ein. Für jemanden, der nicht wusste, was mit einem Körper im Grab geschieht, sah das aus wie ein Toter, der gegessen hat. Thomas Schürmann hat den Nachzehrerglauben in Mitteleuropa 1990 umfassend aufgearbeitet.
Folge zum Thema
Literatur
- Philipp Rohr: Dissertatio historico-philosophica de masticatione mortuorum, Leipzig 1679.
- Michael Ranft: De masticatione mortuorum in tumulis, Leipzig 1728.
- Thomas Schürmann: Der Nachzehrerglauben in Mitteleuropa, Marburg 1990.
- Matteo Borrini u. a.: „Forensic approach to an archaeological casework of ‚vampire‘ skeletal remains in Venice“, Journal of Forensic Sciences.
- Angelika Franz, Daniel Nösler: Geköpft und gepfählt. Archäologen auf der Jagd nach den Untoten, 2016.