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Worum es in dieser Folge geht
Teil 2 meiner Witcher-Reihe steigt hinab in die Gruft: zur Striga, dem allerersten Monster der Witcher-Saga. Hinter ihr steckt einer der ältesten Mythen Europas, der bis zu den Römern zurückreicht und 2022 in einem polnischen Acker wieder auftauchte.
Die Geburt eines Helden und eines Monsters
Im Dezember 1986 erschien in der Zeitschrift Fantastyka Andrzej Sapkowskis Kurzgeschichte „Wiedźmin“. König Foltest hat mit seiner Schwester ein Kind gezeugt, das als Striga aus der Gruft steigt. Geralt soll sie erlösen, indem er sie eine Nacht lang bis zum dritten Hahnenschrei von ihrem Sarkophag fernhält.
Roman Zmorski, 1852
Kurz nach der Veröffentlichung kam ein Plagiatsvorwurf. Fast die ganze Handlung steht schon in Roman Zmorskis Märchen „Strzyga“ von 1852. Doch der Geist ist ein anderer: Bei Zmorski siegt der fromme Waisenjunge Marcin durch Gebet, bei Sapkowski ein bezahlter, kalkulierender Profi. Dasselbe Gerüst, erzählt von zwei verschiedenen Welten.
Eine Eule aus dem alten Rom
Aleksander Brückner hat gezeigt, dass „Strzyga“ ein Lehnwort aus dem lateinischen strix ist. Ovid beschreibt in den Fasti diese Nachtvögel, die Kindern in der Wiege das Blut trinken. Aus derselben Wurzel stammen die italienische strega, der rumänische Strigoi und die albanische Shtriga.
Zwei Seelen, zwei Herzen, zwei Reihen Zähne
Nach polnischem Volksglauben werden manche Menschen mit zwei Seelen geboren. Stirbt so ein Mensch, lebt eine Seele im Körper weiter. Erkennungszeichen wie eine zweite Zahnreihe hat der Ethnograph Szymon Gonet 1897 dokumentiert.
Die Gräber von Drawsko und Pień
Gegen die Strzyga half Enthauptung oder eine Sichel über dem Hals. Lesley Gregoricka und Kollegen haben 2014 die Vampirgräber von Drawsko untersucht: Die Toten waren Einheimische, keine Fremden. 2022 fand ein Team um Dariusz Poliński in Pień eine junge Frau mit Sichel am Hals und Vorhängeschloss am Fuß. Die Rekonstruktion ihres Gesichts zeigt kein Monster, sondern ein junges Mädchen.
Gogol und Paul Barber
Die Szene der Nachtwache bei einer aufstehenden Toten kennt schon Gogols „Wij“ von 1835. Paul Barber erklärt in Vampires, Burial, and Death, warum geöffnete Gräber Vampirbeweise zu liefern schienen: Was die Menschen sahen, waren normale Stadien der Verwesung.
Wer war das Monster?
Zur Strzyga wurde, wer anders war: das Kind mit zwei Zahnreihen, das ungetaufte Kind, die kranke Frau. Am Ende stellt ausgerechnet der Söldner Geralt die richtige Frage, nicht der fromme Held.
Häufige Fragen
Woher kommt die Striga aus The Witcher?
Aus der polnischen Volkssage von der Strzyga, die Roman Zmorski 1852 als Märchen aufschrieb und Sapkowski 1986 aufgriff.
Was ist ein Vampirgrab?
Eine Bestattung mit Abwehrmaßnahmen gegen die Rückkehr des Toten, etwa eine Sichel über dem Hals oder ein abgetrennter Kopf. Bekannte Beispiele stammen aus Drawsko und Pień in Polen.
Mehr im Lexikon: Striga.
Über diese Folge
Es ist das allererste Monster der Witcher-Saga – und Geralts Geburtsstunde als Held: die Striga, eine verfluchte Prinzessin, die nachts aus ihrer Gruft steigt. In Teil 2 unserer vierteiligen Reihe über die echten Mythen hinter den Monstern aus „The Witcher“ decken wir auf, woher dieses Wesen wirklich stammt. Wir folgen der Spur von Andrzej Sapkowskis Debüt (1986) zurück zu Roman Zmorskis Märchen „Strzyga“ (1852) – samt Plagiatsvorwurf –, von dort über den römischen Eulendämon strix bei Ovid bis zum verstörenden Volksglauben von den zwei Seelen, zwei Herzen und zwei Reihen Zähnen.
Wir öffnen die „Vampirgräber“ von Drawsko und Pień, hören das literarische Echo in Gogols „Wij“ – und fragen am Ende, wer das wahre Monster war.
📖 Weiterführende Quellen & Literatur:
• Roman Zmorski: „Strzyga“, in: Podania i baśni ludu w Mazowszu (1852)
• Andrzej Sapkowski: „Wiedźmin“ (in: Fantastyka, 1986; gesammelt in „Der letzte Wunsch“)
• Magdalena Roszczynialska: „Nowa baśń: ‚Strzyga‘ Romana Zmorskiego i ‚Wiedźmin‘ Andrzeja Sapkowskiego“ (2003)
• Ovid: Fasti, Buch 6 (um 8 n. Chr.) – die strix und der Knabe Proca
• Aleksander Brückner: Mitologia słowiańska i polska (Etymologie strix → strzyga)
• Szymon Gonet: „Strzygonie“, in: Lud, Bd. 3 (1897)
• Henryk Biegeleisen: Śmierć w obrzędach, zwyczajach i wierzeniach ludu polskiego (1930)
• Kazimierz Moszyński: Kultura ludowa Słowian, Bd. II (1929–1934)
• Jarosław Kolczyński: „Jeszcze raz o upiorze (wampirze) i strzygoni (strzydze)“, in: Etnografia Polska 47 (2003)
• Gregoricka, Betsinger, Scott & Polcyn: „Apotropaic Practices and the Undead“, in: PLOS ONE (2014) – Friedhof Drawsko
• Prof. Dariusz Poliński, Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń – Ausgrabung Pień / „Zosia“ (2022/2023)
• Nikolai Gogol: „Wij“ (1835)
• Paul Barber: Vampires, Burial, and Death (Yale University Press, 1988)
Hinweis: Diese Folge behandelt historischen Volksglauben rund um Tod und Bestattung. Wenn euch solche Themen gerade nahegehen, überspringt diese Folge bitte.